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GEDENKFAHRT

Bremen–Farge nach der Cap Arcona Gedenkstätte
bei Neustadt / Holstein
3. – 8. September 1990

Zur Erinnerung an die Todesmärsche von NS–Häftlingen im April/Mai 1945
Ein Projekt des Antifaschistischen Arbeitskreises im Gustav–Heinemann–Bürgerhaus

Bereits im Juli 1985 hatte ein 3–tägiger (Fuss–)Gedenkmarsch der Antifagruppe im Gustav–Heinemann–Bürgerhaus Vegesack stattgefunden, der an das Leiden der ehemaligen NS–Häftlinge im April/Mai 1945 erinnerte – vom Mahnmal `Vernichtung durch Arbeit‘ bei der ehem. U–Bootbunkerwerft ‚Valentin‘ in Bremen–Rekum zum ehem. Stalag Xb in Sandbostel.

Der 1945 von Bremen ausgehende Todesmarsch war einer von vielen Todesmärschen, den u.a. NS–Häftlinge der Aussenlager des KZ–Neuengamme erleiden mussten. Die Gedenkfahrt 1990 wurde von ehemaligen NS–Häftlingen und Zeitzeugen, SchülerInnen, Lehrern, Vertreter von gesell. Institutionen und Initiativen begleitet und als 5–tägige Radtour durchgeführt.

Die Strecke führte über die ehem. KZ–Aussenlager ‚Riespott‘ in Gröpelingen , der Bahrs Plate in Blumenthal und der ehemaligen U–Bootbunkerwerft ‚ Valentin‘ in Bremen entlang der historisch belegten Todesmarschstrecke der NS–Häftlinge im April / Mai 1945 über Schwanewede – Meyenburg – Hagen – Stubben – Beverstedt – Sandbostel (ehem. Stalag Xb) – Horneburg – Gedenkstätte ‚Die Kinder vom Bullenhuser Damm‘ in Hamburg – KZ Gedenkstätte Neuengamme zur Abschlusskundgebung auf der ‚Cap–Arcona‘ Gedenkstätte bei Neustadt/Holstein an der Lübecker Bucht.

An der Gedenkfahrt nahmen u.a.teil

Marie und Jan Schinkel (ehemaliger Häftling im A+E Lager Farge/Rekum
und
Dia und Klaas Touber ( ehemaliger Häftling im A+E Lager Farge/Rekum) aus den Niederlanden
Schüler der 10. Klasse(n) des SZ Lehmhorster Straße mit ihrem Lehrer Manfred Haneberg
Herbert Dierks als Vertreter des Doku Zentrums des ehem. KZ Neuengamme

als Veranstalter
Mitglieder des Antifaschistischen Arbeitskreises im G H Bürgerhaus Vegesack
und viele weitere Bürger aus Bremen–Nord u.a. Orten entlang der Gedenkstrecke.

ideell und organisatorisch unterstützt wurde die Gedenkfahrt u.a. von

dem Vorstand und KollegInnen des G.H.Bürgerhaus Vegesack
der IG–Metall–Kollegengruppe im Stahlwerk Bremen (`Geschichte des KZ Lagers Riespott‘)
der Schulverwaltung des Landes Bremen
der Arbeiterwohlfahrt (AWO) und
dem Arbeitersamariterbund (ASB) in Bremen

Protokoll der Gedenkfahrt 1990
3. bis 8. September

Die Abschrift des Originaltextes der Schüler vom SZ Lehmhorster Strasse /HB Blumenthal (1990)
übernahm im Nov./Dez. 2016 Ruth Walessa von der Archivgruppe der Internationalen Friedensschule Bremen im G H Bürgerhaus


Erinnerung ist ein guter Widerstand

Wenn wir vergessen sind wir mitschuldig und Mittäter!
Für KATRIN, KARIN, STEFFI, HEIKO, MARKUS, DAGMARA, ALEXANDRA, SANDY, STEPHANIE, BIANCA und IRIS ,
die wesentlich dazu beigetragen haben, daß JAN und MARIE, KLAAS und DIA mit der Hoffnung auf ein anderes Deutschland in ihre holländische Heimat zurückgekehrt sind.


ERINNERUNG IST EIN GUTER WIDERSTAND

Es war kurz vor neun Uhr, als sich am Tor 1 der Klöckner Hütte Bremen die ersten zwei Dutzend Teilnehmer der Gedenkfahrt zum CAP–ARCONA–Friedhof in der Lübecker Bucht einfanden. Unter ihnen zwei ehemalige Häftlinge des Arbeitserziehungslagers Farge, die Holländer Jan Schinkel und Klaas Touber mit ihren Ehefrauen Marie und Dia.

Die beiden Betriebsräte der Hütte, Robert Milbradt und Eike Hemmer, nahmen uns freundschaftlich in ihre Obhut und begleiteten uns mit ihren Fahrrädern zu der Stelle, wo sich vor mehr als 40 Jahren das KZ–Außenlager von Neuengamme, das Lager „Riespott“ befand. 1944 war das Lager auf dem Gelände der damaligen „NORDDEUTSCHEN HÜTTE“, Vorgängerin der heutigen KLÖCKNER–HÜTTE, errichtet worden.

WO HEUTE HOCHÖFEN STEHEN, LAG DAS KZ…...

Vorbei an rauchenden Hochöfen und kreischenden Lokomotiven, halten wir an einem kleinen Backsteingebäude mit einer Gedenktafel, eine große Keramikplatte, i n die reliefartige Motive der Häftlingsarbeit und der heutigen Industrie–Silhouette eingearbeitet sind. Daneben Schrifttafeln in Deutsch, Russisch, Polnisch, Französisch und Englisch:

GEDENKTAFEL, ERICHTET ZUM GEDENKEN AN DIE DEUTSCHEN UND AUSLÄNDISCHEN HÄFTLINGE DES LAGERS „RIESPOTT“. 1944 – 45 LITTEN UND STARBEN HIER HÄFTLINGE DES KZ–NEUENGAMME, DIE ZUR ZWANGSARBEIT AUF DER NORDDEUTSCHEN HÜTTE UND BEIM BAU DES U–BOOT–BUNKERS IN GRÖPELINGEN EINGESETZT WORDEN WAREN.

Eike Hemmer berichtet uns, wie alles 1983 angefangen hat, als Arbeiter der Hütte darangingen, die Geschichte dieses Lagers zu erforschen. Durch Zufall haben sie durch ehemalige Kollegen davon erfahren. Ein früherer Betriebsratsvorsitzender habe ihnen erzählt, daß sein Vater in diesem Lager als Häftling gewesen sei und da sei die Idee entstanden, daß sie dieser Geschichte nachgehen sollten, die buchstäblich unter Sand verschüttet lag, weil nach dem Krieg das gesamte Lager für die Neue Hütte zugeschüttet und planiert worden sei.
Und so habe 1983 eine Gruppe von 14 Kollegen angefangen ältere Arbeiter zu befragen, ins Staatsarchiv zu gehen um ältere Dokumente auszugraben. Auf diese Weise seien sie auch in Kontakt mit ehemaligen französischen Häftlingen gekommen, vor allem Widerstandskämpfer, die ihnen erzählen konnten, was damals eigentlich passiert sei. Allmählich hatten sie dann ein Stückchen dieser vergessenen Geschichte aufgedeckt. Zunächst hätten die Nazis gleich 1933 auf dem Gelände ein Lager errichtet für politisch Andersdenkende. Während des Krieges wurde es zu einem Lager für polnische– , französische– und russische Kriegsgefangene. Die Lebensverhältnisse seien auch hier entsetzlich gewesen. Sehr viele seien namenlos umgekommen und auf dem Riensberger Friedhof verscharrt worden.

FÜR UNS WAR DAS EIN SCHOCK

Erst 1943 wurde das Lager zu einem Außenlager des KZ–Neuengamme. Die Häftlinge mußten teils auf der NORDDEUTSCHEN HÜTTE arbeiten, teils mußten sie Trümmer nach Luftangriffen beseitigen, teils wurden sie zum Bau des U–Boot–Bunkers "HORNISSE" in der Kap–Horn–Straße und "VALENTIN" in Farge eingesetzt. "Für uns, die wir diese Aufarbeitung gemacht haben, war das irgendwie ein Schock. Es ist also nicht so gewesen, daß es nur irgendwo im Osten KZ`s gegeben hat, sondern hier in Bremen gab es über 130 solcher Lager! Das heißt die Menschen, die hier gelebt haben, die haben es gewußt. Sie haben diese Elendszüge, die teilweise auch durch die Straßen geführt wurden, gesehen.
Was nach dem Krieg immer wieder behauptet worden ist: >Wir haben es nicht gewußt!< Das stimmt nicht. Sie haben es verdrängt, um sich von dieser quälenden Schuld zu befreien."

DIE OPFER LEBEN NOCH UND DIE TÄTER

Eine Stunde später stehen wir wieder an einer Gedenktafel. Diesmal auf dem Platz des ehemaligen KZ-Außenlagers "BAHRSPLATE". 1943, mit Baubeginn des BUNKERS VALENTIN, wurde auch dieses Lager errichtet. Ab September 1944 kam ein Außenkommando des KZ-Neuengamme dazu. Etwa 350 männliche und 150 weibliche Häftlinge waren in 10 Baracken untergebracht. Über die Lebensbedingungen im Lager schreibt der Pole Tadeusz Smolinski:

"Als ich in das Außenlager kam, waren dort rund 1000 Häftlinge. Die Sterblichkeit war sehr hoch. Jeden Monat wurden für die "Abgänge" 200 bis 300 neue Häftlinge geschickt. Die Lebensbedingungen waren ähnlich wie in anderen Lagern.."

Am Rosenbeet erwarten uns weitere Teilnehmer der Gedenkfahrt, aber auch Nordbremer, die uns verabschieden oder ein Stück begleiten wollen, sowie der Ortsamtsleiter Karl Lüneburg. Die Schüler des Schulzentrums Lehmhorster-Straße entrollen ihr Transparent.

WENN WIR VERGESSEN, WERDEN WIR TÄTER

Ein verkürztes Zitat aus der Rede des Friedensnobelpreisträgers Elie Wiesel: "Denn wenn wir vergessen, sind wir mitschuldig und Mittäter".

In einer kurzen Ansprache weist der die Schüler begleitende Lehrer Manfred Haneberg darauf hin, wie wichtig es sei, mit dieser Gedenkfahrt ein Zeichen zu setzen, daß man bereit sei, die Gefühle der Opfer und die Trauer der Hinterbliebenen und die Ängste der Lebenden zu akzeptieren. Wer heute fordere, einen Schlußstrich unter die Vergangenheit zu ziehen, der verlängere nur die Gedankenlosigkeit und lasse die Opfer des Faschismus wieder allein.

Das, was man über die Geschehnisse in den Blumenthaler Lager wisse, das haben die Opfer mitgeteilt. Erinnerungszeugnisse für die Nazizeit und Menschen, die sich als Beteiligte bekennen, seien selten. Die meisten wollten einfach nicht darüber sprechen. An dieser Form von "Entsorgung von Geschichte" habe sich nicht viel geändert.

Haneberg verlas den Text einer Tonbandkassette, die vor einigen Tagen dem DOKUMENTATIONSZENTRUM BLUMENTHAL zugesandt worden war. Die Kassette kam aus Lothringen, von dem Bürgermeister Raymond Poirson, der von April 1944 bis April 1945 als Häftling im Lager BAHRSPLATE gewesen war. Er berichtete von einer Hinrichtung zweier Polen im Oktober 1944. Die Polen waren wegen Spionage zum Tode verurteilt worden, weil sie sich Lederstücke zum Besohlen ihrer Schuhe besorgt hatten.

". Die Hinrichtung fand am Nachmittag statt. Der Galgen war errichtet, für jedermann sichtbar. Wir konnten sehen, daß die Bevölkerung informiert war, denn viele drängten sich an den Fenstern, man beobachtete uns mit Ferngläsern. Einige waren sogar in die Bäume geklettert. Die beiden Polen sind mit Mut und Anstand gestorben. Dabei mußte der eine Pole mit ansehen, wie sein Kamerad zum Galgen ging. Ich habe bis zum heutigen Tag noch das knackende Geräusch der brechenden Wirbelsäule in den Ohren".

Raymond Poirson hat die "Todesmärschen" im April 1945 nach Neuengamme und weiter bis in die Lübecker Bucht überlebt. Zusammen mit 10000 KZ-Gefangenen wurde er auf die CAP ARCONA verbracht, tagelang ohne Nahrung und Wasser. Weil er versucht hatte, vom untersten Deck nach oben zu gelangen, habe ihn die Bewachung auf ein anderes Schiff gebracht, auf die ATHEN. Diesem Umstand verdankt er sein Leben.

ZWISCHENSTATIONEN

Kurzer Halt am U-BOOTBUNKER "VALENTIN", ein Beispiel für nationalsozialistischen Wahn.

"Tausende arbeiteten an dem Bunker als Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene oder als Deportierte aus allen Teilen Europas. Es sollten U-BOOTE wie Autos in Serie gebaut werden, jeden zweiten Tag eines; an der Weser, in Bremen-Farge. Durch die Straßen zogen, bewacht von Soldaten der Wehrmacht, der Marine und der SS, etwa 4000 Zwangsverpflichtete, 5000 Kriegsgefangene, mehr als 2000 Menschen aus einem Konzentrationslager und über 500 aus einem Arbeitserziehungslager zur Baustelle. In sieben Lagern, 3 bis 8 km entfernt, mußten diese Menschen leben. Errichtet wurde der Bunker in der Zeit von Sommer 1943 bis Frühjahr 1945. Er ist so groß wie etwa 6 Fußballfelder, annähernd so hoch wie ein zehnstöckiges Haus."

Zwei von Tausenden, die hier gelitten haben, fahren heute mit uns: Jan Schinkel und Klaas Touber. Jan war 17 Jahre alt, Klaas drei Jahre älter als sie zu 25 bzw. 75 Tagen "Arbeitserziehungslager" verurteilt wurden. Für uns Außenstehende eine verhältnismäßig kurze Zeitspanne. Was aber dabei mit den Menschen geschah, wie tief ihre seelischen Verletzungen gingen und bis heute andauern, wurde uns von Tag zu Tag bewußter.

Von Marie Schinkel erfahren wir, daß sie Jahre nach ihrer Heirat nicht einmal wußte, daß Jan in so einem Lager gewesen ist. "Er sprach tagelang nicht mit uns. Ich brauchte nachts nur die Schlafzimmertür zu berühren, dann stand er senkrecht neben dem Bett. Wir haben mit ihm gelitten, und auch die Kinder sind belastet worden, denn er hat soviel erzählt. Auch wir sind Opfer der Nazis geworden".

ZUM JÜDISCHEN FRIEDHOF

Auf dem Weg zum jüdischen Friedhof in Schwanewede überholt unsere Radlergruppe ein Kombibus von Radio Bremen. Das "BUTEN & BINNEN-Fernsehteam" filmt uns. In die Kamera grinsen oder geradeaus schauen? Hätten wir geahnt, wie kurz am Abend dieser Beitrag gerät, ob wir dann wohl so brav und ausführlich geantwortet hätten?

Hilfreicher für uns war da schon Klaus Koopmann, der uns al s stellvertretender SPD-Ortsvereinsvorsitzender begrüßte, zusammen mit Mitgliedern der Schwaneweder Jungsozialisten. Zur Unterstützung unserer Fahrt überreichte er uns einen Scheck.

MITTAGSPAUSE

An der romantischen Wassermühle in Meyenburg. Hier warten bereits die Helfer vom Lüßumer Turnverein mit Kesseln heißer Gemüsesuppe und Tee, zubereitet von der AWO (Arbeiterwohlfahrt). Bis zum letzten Tag unserer Radfahrt werden wir auf diese Weise zuverlässig und gut verpflegt. Da sind noch zwei Helfer: Wolfgang und Tanja. Unauffällig aber immer präsent, wenn wir sie brauchen, geben sie uns mit dem Rettungswagen des ARBEITER-SAMARITER-BUNDES "Rückendeckung", sperren mit Blaulicht verkehrsreiche Kreuzungen und transportieren Gepäckstücke.

BAHNHOF STUBBEN

Am späten Nachmittag halten wir vor den Eisenbahnschranken am Bahnhof von Stubben. Dieser Bahnhof hatte vor fünf Jahren für die Teilnehmer des ersten Gedenkmarsches eine besondere Bedeutung bekommen. Eine Einwohnerin von Stubben, Frau Edith Johnson , hatte von dem Gedenkmarsch gelesen und erwartete die Marschgruppe mit einem Eimer voll Wasser, den sie symbolisch an die Straße gestellt hatte. Und sie erzählte:

"wir waren gegen Ende des Krieges 8-9 Jahre alt. Ich ging mit meiner Freundin an der Landstraße der Reichsbahn entlang. Es war ein heißer Sommertag. Wir merkten erst direkt neben einem dort abgestellten, oben offenen Waggon, daß er mit Männern gefüllt war, die Kopf an Kopf ungeschützt in der prallen Sonne standen und uns Becher entgegenhielten und um Wasser baten. Wir näherten uns erschrocken den Gefäßen, beschlossen dann aber, lieber einen ganzen Eimer zu holen, um allen etwas geben zu können. Als wir uns gerade abwandten, kam aus dem Schatten hinter dem Holzstapel der gefürchtete Dorfpolizist mit erhobenem Knüppel hervor und verjagte uns. Er verbot uns zurückzukehren und anderen vom Gesehenen zu erzählen Wir rannten weinend nach Hause, erzählten und flehten Mutter an, uns trotz der Drohung das Wasser heimlich dorthin bringen zulassen. Wir wußten, daß die Schwachen im Recht waren und der Starke dort im Unrecht war".

Dieses Erlebnis sollte Frau Johnson auch unserer Gruppe berichten. Leider haben wir sie nicht angetroffen und bei der Abendveranstaltung in Beverstedt, an der sie teilnahm, ist es dann nicht mehr dazu gekommen. Dafür aber schrieb sie der Schülergruppe spontan einen sehr bewegten Brief, in dem sie den Jugendlichen Mut machen wollte, weiter zu wirken, die Zukunft zu verbessern.
"Erst kleine Kreise zu ziehen, die sich weiten und mitreißen". Jeder, der eine solche Tour mitmache, sei dazu präviligiert und eine große Hoffnung für die Zukunft.

ICH WEISS NICHT, WAS MIT DEN MENSCHEN LOS WAR

Am kleinen jüdischen Friedhof in Beverstedt wartet bereits Pastor Colmsee und drei Behördenvertreter auf uns. Wenige Minuten später trifft auch Herr Brumsack ein, jener kleine, agile, freundliche Beverstedter Bürger jüdischen Glaubens.
1945 war er gegen den Rat seiner jüdischen Freunde, die als Emigranten in England den Holocaust überlebt hatten, in seinen Heimatort zurückgekommen. Die Gedenksteine auf dem Familienfriedhof erinnern an seine vielen im KZ ermordeten Verwandten.

Seine Eltern waren hochangesehene Geschäftsleute gewesen. Das dauerte bis zu dem Tage, an dem der Boykott gegen die Juden begann. "Und von einem auf den anderen Tag wurden wir gemieden. Ich weiß nicht, was mit den Leuten los war. Das war so extrem, wie man es sich nie hätte vorgestellt. So wurden wir durch den Boykott erst materiell und dann physisch zugrunde gerichtet".
1939 gelingt ihm im August über Holland die Flucht nach Schottland. In englischer Uniform steht er 1945 wieder vor seinem Haus in Beverstedt. Auf seine Bemerkung hin: "Ich bin doch Brumsack"!, bekommt er von den "neuen" Bewohnern zu hören: "Was? Ich denke, die sind alle tot"
Heute halte er sich aus allem heraus. "Ich bin nicht politisch tätig, ich wüßte nicht, wer heute mir feind ist, obwohl es auch hier im Ort anti-jüdische Ressentiments gibt".
Für die Beverstedter sei es wichtig gewesen, daß Herr Brumsack wieder an diesen Ort zurückgekehrt sei, ergänzt einer der Gemeindevertreter. So hätten die Bürger - im Gegensatz zur Nazipropaganda erkennen können, daß Juden ganz normale Bürger sind. -

GESPRÄCHE UM DEUTSCHLAND VERLAUFEN UNGUT

Daß die erste Abendversammlung hier in Beverstedt nicht langweilig verlaufen würde, zeichnete sich schon vor dem Beginn ab. Das in der regionalen Zeitung veröffentliche Thema: >NACHDENKEN ÜBER DEUTSCHLAND-REDEN ÜBER DEUTSCHLAND < hatte zahlreiche Bewohner angelockt, unter ihnen auch eine Gruppe junger Männer, die uns als "Neonazis" signalisiert wurden.

REIZWORTE

Als mögliche Stichpunkte und Reizworte stand auf einer mitgebrachten Tapetenrolle:

"Deutsche - ein Wort mit Vergangenheit"
" Deutsche, was ist das?"
"Sobald man im Ausland ist, ist man Deutscher"
"Stolz, ein Deutscher zu sein?
"Seit Auschwitz ist noch kein Tag vergangen"
"Reine Schuld zu ertragen, ist für den einzelnen unmöglich"
"Wie gehen wir mit der Schuld um?"
"Bewältigung der Vergangenheit?"
"Deutschland über alles"?

Den Part eines Moderators sollte Manfred übernehmen. Er zitierte eingangs Martin Walser:
"Wenn sich das Gespräch um Deutschland dreht, weiß man aus Erfahrung, daß es ungut verlaufen wird. Gerade beim Deutschlandgespräch erlebt man, daß jeder recht hat..
Allmählich wird mir klar, daß jeder bei diesem Gespräch eine andere Geschichte aufarbeitet, seine eigene und oft noch seine ganze Familiengeschichte."
Wie zu erwarten, herrscht erst mal "vornehme" Zurückhaltung. Herbert sollte seine "Standortbestimmung" vorlesen. Was empfindet jemand, der aus einem herrlichen Urlaub Zurückkehrt und mit der ernüchternden Realität "vor Ort" konfrontiert wird?

GEMEINSAM EINE SPRACHE FINDEN

Von einem Besuch bei Jugendlichen ist da die Rede, die ein 10 Jahre leerstehendes Haus besetzt haben, und von der Räumung mit Wasserwerfern, gepanzerten Fahrzeugen, Hundestaffeln und "Sondereinsatzkommando".
Von einer Sammlung von medizinischen Hilfsgütern für Nordvietnam. Von einer Demonstration von etwa 100 Roma vor dem Gebäude des Innensenators, und deren Hilferuf nach dringend benötigten Windeln und Getränken für ihre Kinder ist die Rede. -Alltagsimpressionen– "Standortbestimmung".

Vom hintersten Tisch, auf dem sich leere Bierflaschen ansammeln, kommt lautstark eine Wortmeldung. Einer der jungen Beverstedter möchte von uns eine Einschätzung, ob wir das richtig finden, daß man gleich als Neonazi abgestempelt wird, nur weil man sich gegen gewalttätige Türken zur Wehr setzt?
Helga, Kinderärztin in der DDR, möchte antworten. Aus ihrer Erfahrung mit 40 Jahren SED–Staat, mit Unterdrückung und Mißhandlung plädiert sie leidenschaftlich gegen jede Form von Ausgrenzung, "sowohl nach rechts als auch nach links". Wir müssen alle eine gemeinsame Sprache finden. Wir müssen eine Zukunft sehen, in der es Frieden, Glück und Anerkennung für alle Menschen gibt, egal ob Christ, Kommunist und auch Republikaner.
Ebenso strikt weist sie den vorher erhobenen Vorwurf zurück, daß es in der DDR wohl nur noch Rassisten gäbe. Solche Äußerungen hält sie für Einzelerscheinungen, die aus einer Art Euphorie entstanden seien, nach 40 Jahren endlich Freiheit erlangt zu haben.

SEID WACHSAM

Jan Schinkel macht den Versuch, mit seinen Erfahrungen als 17–jähriger in einem Arbeitserziehungslager zu verdeutlichen, was es heißt, ausgegrenzt, verachtet, würdelos und schutzlos ausgeliefert zu sein. Und er warnt vor den neofaschistischen Erscheinungen, auch in den anderen europäischen Ländern.
"Seid wachsam! Paßt auf, daß sich nicht dasselbe wiederholt, was wir erlebt haben. Da habe ich schlaflose Nächte von", ruft er sichtlich erregt den jungen Menschen zu.

NOCH HEUTE TRÄUME ICH DAVON

Auch Klaas Touber will an diesem Abend von seinem "beschädigten Leben" berichten. Wegen der Sprachschwierigkeiten möchte er vortragen, was er im letzten Jahr in Berlin auf dem Kirchentag vorgelesen hat.

Er berichtete, wie er als 20–jähriger im Februar 1943 gezwungen wurde, in Deutschland zu arbeiten. Die Vegesacker Vulkan–Werft wurde sein Arbeitsplatz. In einer Mittagspause sei es zu einem folgenschweren Zwischenfall gekommen. Zusammen mit einem anderen Zwangsarbeiter stand er in der Reihe vor dem Eßkübel mit Steckrübensuppe, als ein junger Deutscher ihn aus der Reihe riß, um seinen besseren Platz einzunehmen. Es kam zu einem Handgemenge, bei dem Klaas u.a. im Gesicht verletzt wurde. Sein holländischer Freund Piet führte ihn darauf hin zu einer Gruppe deutscher Arbeiter und schrie: "Ist das jetzt das deutsche Heldentum?" Sein Freund Piet sei in das KZ–Neuengamme gekommen, wo er ermordet worden sei. "Bis heute fühle ich mich mitschuldig an seinem Tod".

Er selbst wurde für mehr als zwei Monate in das Arbeitserziehungslager Farge eingewiesen. Unter größten körperlichen Strapazen mußte er beim Bau von Ölbunkern und dem U–Boot–Bunker arbeiten. Noch nachts im Traum habe er Sand geschippt oder sei im Kreis gelaufen. "Dazu kam die ständige Angst, von der SS erschossen zu werden". Er selbst sei Augenzeuge gewesen, wie ein junger Pole mit einem Gummischlauch zu Tode geprügelt wurde.
"Als ich Farge verließ, wog ich weniger als 40 Kilo"!
Als er endlich im Mai 1945 nach Hause kam, erkrankte er an Lungenentzündung und Tbc. Was danach blieb, war die innere Unruhe, das Gefühl des Gehetztseins.

"Manchmal denke ich, wäre ich doch ein Computer, dann könnte ich einen Teil meines Gehirns auf Null stellen. Seit vier Jahren nehme ich an einer Selsbsthilfe–Therapiegruppe von Kriegsopfern teil. Die Frau eines Opfers hat treffend gesagt: >Ihr steht auf der anderen Seite einer gläsernen Wand. Wir sehen einander und trotzdem gibt es keinen Kontakt<. Trotz der Gespräche habe ich heute das Gefühl, daß ich in Freiheit zu lebenslänglicher Strafe verurteilt worden bin. Das ist viel mehr, als der schlechteste Nazi jemals erhoffen konnte".

DEN HASS HABE ICH BESIEGT

A ls er im letzten Jahr den Bremer Vulkan bat, gleichsam als eine Art von Entschädigung für 27 Monate Zwangsarbeit auf der Werft, ihm und seiner Frau eine Reise nach Farge zu finanzieren, lehnte man dieses ab. Die Werft könne sich das nicht leisten. Er möge das verstehen. Und er habe doch nur um 3000 Mark gebeten, um eine Ferienreise mit seiner Frau zu machen in die Gegend von Bremen.

"Das ist seit 1945 sechs DM pro Monat für ein halbes Jahrhundert Elend". Es sei nicht leicht für ihn gewesen, hier zu sein. Angst und Unsicherheit fräßen an ihm. Aber er habe ein bißchen gelernt, mit sich selbst zu leben. "Man muß mich nehmen wie ich bin". Er habe gelernt, daß man versuchen kann, etwas nicht zu vergessen, aber zu vergeben. "Jahrzehnte habe ich das deutsche Volk gehaßt. Den Haß habe ich besiegt. Das verdanke ich auch meinen Freunden in Bremen".

Wie hieß die These auf der Tapetenrolle? : Seit Auschwitz ist noch kein Tag vergangen! Durch die Wortbeiträge von Jan und Klaas war das deutlich geworden.

ES DARF NICHT WIEDER GESCHEHEN? ––– ES GESCHIEHT SCHON HEUTE

Auch Gerd unternimmt eine Standortbestimmung. Für ihn ist Geschichte ein Kompaß, der behilflich ist bei der Frage: "Wo komme ich her? Wo will ich hin?" Er kritisiert das bereits eingeläutete "Ende der Nachkriegszeit" . Als "Hoffnungspunkte" skizziert er Begegnungen mit Menschen in Marzabotto oder Oradour und Lidice. "Was haben wir aus der Geschichte gelernt?" Und am Beispiel mangelnder Zivilcourage beim Auftreten junger "Skinheads" in einem Bremer Bus fragt er: Welche Rolle spielt da Angst oder Gleichgültigkeit? Zeigen sich nicht heute wieder Entwicklungen, ähnlich wie Ende der 20–er Jahre? Wer heute sagt: "Es darf nicht wieder geschehen!, dem sage ich: Es geschieht schon heute"

ES HAT NIE EINEN NEUANFANG GEGEBEN

Luitger nimmt das Zitat von M. Walser noch einmal auf: "Seit Auschwitz ist noch kein Tag vergangen"

Am Beispiel der Entwicklung in der DDR, wo die kleinen und die mittleren Funktionäre immer noch aktiv sind, am Fortbestehen des alten Justizapparates macht er deutlich: "Es hat nie einen Neuanfang gegeben, nur Akzentverschiebungen. Die Wurzeln aber sind geblieben und keimen weiter". Alle Entwicklungen, sowohl in der DDR, als auch bei uns in der BRD, seien nur möglich gewesen, weil die Menschen sie zulassen. Daher appelliere er an alle, sich zu engagieren und aktiv zu werden.

DIENSTAG, 4. SEPTEMBER – REGENTAG

Als wir nach einer halben Stunde Fahrt durch strömenden Regen von der B71 abbiegen zu dem alleinstehenden Gehöft eines Bauern in HORST, ist die Feuchtigkeit bei allen Teilnehmern bereits bis auf die Haut durchgedrungen. Die Bäuerin, die nach dem Tode ihres Mannes zusammen mit ihrer Tochter auf dem Hof wirtschaftet, erkennt sogleich unser Anliegen: Auf dem Gedenkmarsch vor fünf Jahren waren die Teilnehmer hier vorbeigekommen. Sie hatten erfahren, daß auf den "Todesmärschen" nach NEUENGAMME hier in der Scheune des Hofes KZ–Gefangene übernachtet hatten. Heute öffnet uns die Bäuerin sofort den warmen Kuhstall zum Schutz gegen den Dauerregen. Zwischen Kühen, Kälbern und jungen Katzen eine kurze Verschnaufpause. Aber der Gedanke an die vor uns liegenden 65 Kilometer über SANDBOSTEL bis nach HORNEBURG bei BUXTEHUDE treibt uns wieder in den Regen hinaus.

DIE STIMMUNG IST AUF DEM NULLPUNKT

Als wir mittags auf das Gelände des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers STALAG XB bei SANDBOSTEL fahren, ist keiner unserer Freunde zu unserem Empfang erschienen. Im Eingang zur ehemaligen Lagerkirche versuchen wir dicht aneinander gedrängt, dem unablässig strömenden Regen auszuweichen, der graue Himmel läßt keinen Hoffnungsschimmer aufkeimen. Wir beginnen zu frösteln.

Gerd fährt noch einmal das Gelände ab ,das die Gemeinde SANDBOSTEL als Gewerbe–Gebiet mit der geschichtsverkleisternden Bezeichnung IMMENHEIM nutzt, um einen besseren Platz für die Mittagspause zu suchen.

DAMPFENDE KLAMOTTEN – KALTE VERPFLEGUNG

Minuten später heißt es: "Bei der Straßenmeisterei können wir unterkommen." Die Belegschaft stellt uns ihren Aufenthaltsraum zur Verfügung. Die Heizung wird aufgedreht. Im Nu sind die Fensterscheiben von unseren dampfenden Klamotten beschlagen. Wer trockene Kleidung in seinen Radtaschen findet, wechselt die Wäsche. Inzwischen ist auch der Verpflegungswagen eingetroffen. Aber ausgerechnet heute hat uns die AWO Kaltverpflegung mitgeschickt. Selbst Holger muß seine Vegetariergrundsätze weglassen, kaut das kalte Kotelett hinunter und spült mit heißem, süßem Tee nach.

KAMPF JEDER GEGEN SICH SELBST

In der Vorbereitungsgruppe wird die Lage besprochen. Müssen wir aus Verantwortung für die Jugendlichen hier abbrechen? Wir erwägen verschiedene Möglichkeiten, die Gedenkfahrt unter anderen Voraussetzungen fortzuführen. Eine "zarte" Andeutung in diese Richtung stößt bei den Schülern aber sofort auf lautstarken Protest: "Wir wollen weiterfahren!"

Mehr als die Hälfte der zurückgelegten Strecke liegt noch vor uns. Und von einem Aufreißen der Wolkendecke keine Spur. Was jetzt beginnt, ist der zäh verbissene Kampf eines jeden gegen sich selbst. In den Schuhen sammelt sich das Wasser. Die vorüberrauschenden Lastzüge auf der stark befahrenen Straße reißen uns fast von den bepackten Fahrrädern. Der Sog zieht den Fahrradumhang bis über den Kopf und nimmt sekundenlang jede Sicht. Der Blick heftet sich auf den wasserspritzenden Reifen des Vormannes. Die Gruppe zieht sich mehr und mehr auseinander. Vorneweg die Jungen, hinten die Alten. Der ASB–Krankenwagen sorgt mit eingeschaltetem Blaulicht für unsere Sicherheit auf den Kreuzungen.

ICH WAR SO FERTIG ..

Am späten Nachmittag, kurz vor unserem Ziel HORNEBURG, hört der Regen endlich auf. Vor dem neuerbauten Kirchengemeinde–Zentrum warten seit zwei Stunden die Fahrer unserer Begleitfahrzeuge: Jan und Marie, Klaas und Dia, Hanne und Ute. Die schon vorbereitete Gulaschsuppe konnte nicht aufs "Feuer", es war niemand da, der öffnete.

Bei unserer Ankunft ist dann auch Pastor Fuhst zur Stelle. Die neue Heizung funktioniert leider nicht. Aber in der perfekten Küche haben Kenner einen Wäschetrockner entdeckt und der funktioniert! Zuerst werden durchnäßte Schlafsäcke hineingestopft. Wir steigen zu unserem Nachtlager hinauf, einem riesigen, dunklen, kalten Dachboden. Aber bald färbt die Unbekümmertheit der Jugend auch auf uns Alte ab. Renate leiht Jürgen ihre trockene Trainingshose, damit er seine zum Trockner geben kann. Gemeinsames Abendbrot mit heißer Gulaschsuppe und Brot aus dem Verpflegungsbeutel mobilisiert alle Lebensgeister. Katrin gesteht: "Ich war so fertig, am liebsten hätte ich aufgegeben. Nur der Gedanke an die Häftlinge vor 45 Jahren hat mich durchhalten lassen". Das verstehen wir alle.

ICH WAR IMMER EIN FREMDKÖRPER

Zur öffentlichen Abendveranstaltung ist der Schriftsteller Peter Schütt aus Hamburg–Eppendorf erschienen. Er ist 1939 geboren und in einem Nachbardorf aufgewachsen. Seine erste Kindheitserinnerung ist der Brand Hamburgs 1943, "als tagelang der Himmel dunkel war und nachts feuerrot". Sein Vater war Lehrer an einer einklassigen Dorfschule. Wegen einer Körperbehinderung war er für den Krieg nicht tauglich. "Trotzdem schwärmte er immer von der Überlegenheit der blonden und blauäugigen Rasse". Der Vater habe auch nach dem Krieg nichts dazugelernt.

Peter Schütt ging dann nach Stade zum Gymnasium. "Ich war immer ein Fremdkörper. In Stade, weil ich vom Dorf kam. Im Dorf, weil ich ja was Besseres werden wollte". Vielleicht seien diese Gefühle der Einsamkeit ein Grund dafür geworden, daß er angefangen habe zu schreiben.

Die Gedichte, die er für diesen Abend ausgewählt hat, sind alle politisch und aktuell:

DEUTSCHLAND IN DER NACHT

   

Es war der 9. November - unruhige Nacht.
und von künftigen Tagen.
das Brandenburger Tor.
Hinüber in das Paradies.
Unruhige Nacht.
Und von vergangenen -Tagen.
das Lagertor von Auschwitz.
Sie gingen von dieser Welt

Ich träumte von Deutschland
Ich sah ein Tor sich öffnen:
Und sah Menschen hindurchgehen.
Es war der 9. November -
Ich träumte von Deutschland
Ich sah ein Tor sich öffnen,
Und sah die Menschen hindurchgehen.
hinüber in die Hölle.

   

Die Spannweite seiner Gedichte reichte von protestierenden Sinti und Roma in NEUENGAMME, von der deutsch–deutschen Grenze bei Lauenburg, vom 3–Klassen–Asylrecht, vom 97.Drogentoten in Hamburg, bis zur "elektrisch aufgeladenen Atmosphäre über dem östlichen Horizont: Treibhauswetter."

NACHDENKEN ÜBER DEUTSCHLAND

Die Frage nach der eigenen Nationalität habe er - wie wohl alle "Linken" - verdrängt.

" Vielleicht haben wir die deutsche Teilung als ein Sühneopfer für den Faschismus angesehen. Aber ich glaube, das war zu einfach. Ich denke, wir müssen auch wieder ein positives Verhältnis zu unserer deutschen Nation, unserer deutschen Identität finden - zu einem anderen Deutschland. Ein tolerantes, offenes, modernes, demokratisches Deutschland mit einer multikulturellen Gesellschaft."

Das habe er von seiner Frau gelernt, die aus politischen Gründen aus dem Iran hat fliehen müssen. Sie trenne sehr stark zwischen den politischen Verhältnissen und der Heimat, der Nation. Wir sollten versuchen, in diesem Deutschland wieder heimisch zu werden.

"Immer nur abseits zu stehen, die Gestaltung dieser Nation anderen, also den "Rechten" zu überlassen, kann nicht die richtige Antwort auf die deutsche Geschichte dieses Jahrhunderts sein".

HOFFNUNG FÜR DEUTSCHLAND

Am Ende der Lesung und der anschließenden Diskussion meldet sich Klaas Touber zu Wort:

"Ich möchte noch eins sagen, ich habe doch Hoffnung für Deutschland. Sonst wäre ich nicht hier."

In kleinen Gruppen geht die Diskussion noch weiter, während sich vor dem Wäschetrockner Berge von nasser Kleidung häufen. Die letzten, die morgens gegen vier Uhr ihre Schlafstelle aufsuchen, sind Iris und Alexandra. Um halb drei Uhr hatten sie für die Gruppe die letzte Füllung des Trockners beschickt und waren an der laufenden Maschine eingeschlafen.

MITTWOCH, 5. SEPTEMBER – MENSCHLICHE NÄHE

Die gemeinsam durchlittenen Strapazen der vergangenen zwei Tage und Nächte schaffen menschliche Nähe. Die Gruppe wächst zusammen. Der Himmel ist aufgeklart, die Sonne bricht durch. Wir brauchen weder die viel zu teuren Gummihosen vom Fahrradhändler zu kaufen, noch die vorsorglich geschürzten Gamaschen aus Plastiktüten. Heute werden keine Schuhe voll Wasser laufen. Was unsere gute Laune beeinträchtigen könnte, sind die vielen Ampelkreuzungen entlang der B73 nach Hamburg und der ständige Wechsel der Fahrradwege von einer Seite auf die andere. Gegen elf Uhr geht dann nichts mehr: Dagmara kann ihr Tretlager nicht mehr bewegen, es ist defekt. Bis der ASB–Wagen die anderen Begleitfahrzeuge mit den Ersatzfahrrädern aufgespürt hat, wird eine Art ADFC–Notdienst eingerichtet: Mit Hilfe eines Tampens läßt sich Dagmara vom ältesten Teilnehmer abschleppen!

NS–GESCHICHTE IN HAMBURG NEUGRABEN

Zur Mittagszeit halten wir vor einem aufgepoppten Disco–Schuppen mit Biergarten in HH–NEUGRABEN. Fleischklößchensuppe schwappt in den Thermobehältern. Wer gesättigt ist, räkelt sich in der Sonne– Inzwischen hat sich Karl–Heinz Schulz vom SPD–Ortsverein Neugraben zu uns gesellt. Hier in NEUGRABEN hat es seit September 1944 auch ein KZ–Außenlager von NEUENGAMME gegeben. Hauptsächlich Frauen aus AUSCHWITZ–BIRKENAU.

In mühseliger Kleinarbeit hat Schulz seit 1983 die Geschichte dieses Lagers Stück für Stück erforscht, Unterlagen in England gesichtet, nach lebenden Häftlingen gesucht und 16 gefunden. Heute zeigt er uns noch vorhandene Überreste des Lagers, in dem 500 Frauen untergebracht worden waren. Man hatte sie beim "Plattenhausbau" eingesetzt, zur Bomben und Trümmerbeseitigung und in der Ölindustrie. Aus den Berichten der Überlebenden sind Einzelheiten über die unmenschlichen Zustände in diesem Lager bekannt geworden und über das unterschiedliche Verhalten der Wachmannschaften, die z.T. aus ehemaligen Zollbeamten und aus jungen Frauen bestanden, die sich freiwillig zu diesem Posten gemeldet hatten.

STEIN DES ANSTOSSES

Wie man auch hier in NEUGRABEN mit der NS–Geschichte umgegangen ist, konnte Schulz am Beispiel eines Granitsteines deutlich machen. Ein Bagger hatte den Stein aus der Elbe gehoben und die Hafenbehörde ihn hierher an die Stelle des ehemaligen Lagers transportieren lassen. Eine Gedenktafel , die an diesem Findling befestigt wurde, mit einem Text, der an das Lager und die Menschen darin erinnern sollte, hing nur wenige Tage, bis sie gewaltsam entfernt wurde. Auch neue Tafeln verschwanden nach kurzer Zeit immer wieder. Liegengeblieben ist an dieser Stelle eines Hauptwanderweges nur der "Stein des Anstoßes" deutlich erkennbar verschmiert mit Nazisymbolen. Während die Gruppe aufmerksam dem Vortrag folgt, wandern in kurzen Abständen zwei Ehepaare vorbei mit Schäferhunden an der Leine. Ich kann beobachten, wie Jan Schinkel unwillkürlich mehrere Schritte zurückweicht.

IM ZOLLSPIEKER

Auf Schleichwegen, fernab vom Autoverkehr, führt uns Schulz am Nachmittag durch das Hafengebiet und an der Elbe entlang zur Fähre nach HOOPTE. Dort nehmen wir Abschied von unserer fürsorglichen und zuverlässigen ASB–Mannschaft: Wolfgang und Tanja; und setzen im Gegenlicht der untergehenden Sonne über die Elbe. Da Gerd wegen der nicht gekauften Regenhosen den Schülern wenigstens Kuchen spendieren möchte, kehren wir am anderen Ufer in einer historischen, aber ziemlich heruntergewirtschafteten Gaststätte, dem ZOLLSPIEKER, ein. Beim Abrechnen gibt es dann auch prompt Ärger mit der Bedienung. Der Vorwurf der Zechprellerei wird indirekt angedeutet, muß dann aber mit einer Entschuldigung von der Wirtin zurückgenommen werden. Der Einzige, der sich wirklich geprellt sieht, ist Manfred. Bei der Ankunft im "Haus Warwisch", unserem Etappenziel, muß er feststellen, daß ihm an der Kneipe sein teurer Schlafsack gestohlen worden war.

DONNERSTAG 6. SEPTEMBER – SCHULE AM BULLENHUSER DAMM

Jan hat Geburtstag!

Mit Blockflöte und Mundharmonika als Begleitung, bringen wir ihm ein Ständchen am Frühstückstisch, und als Zugabe singen wir gemeinsam "WE SHALL OVERCOME" – zumindest die ersten beiden Strophen lassen sich hören! Um 11.00 Uhr sind wir heute Morgen mit dem Journalisten Günther Schwarberg an der Gedenkstätte der Schule AM BULLENHUSER DAMM verabredet.

Am 20. April 1945 wurden im Keller dieser Schule von einem SS–Mörderkommando 20 jüdische Kinder im Alter von 5 bis 12 Jahren erhängt. Der SS–Arzt Dr. Heißmeier hatte an ihnen Tuberkulose–Experimente durchgeführt. Bei Herannahen der Alliierten versuchten die Nazis, sich der Beweise für ihre grausamen Menschenversuche zu entledigen. Zusammen mit den Kindern erhängten die SS–Soldaten in der Nacht vom 20. auf den 21. April auch die beiden holländischen Betreuer der Kinder und 24 russische Kriegsgefangene, über die bis heute nichts bekannt geworden ist. Bis 1979 wußten auch die Angehörigen der Kinder, sofern sie überlebt hatten – der Kinder aus Holland, Jugoslawien, Frankreich, Italien und Polen – nichts über deren Schicksal. Erst Günther Schwarberg brachte Licht in das Dunkel des Vergessens. Aus seinen jahrelangen Recherchen über das Schicksal dieser Kinder, aber auch ihrer Mörder, entstand sein Buch: DER SS–ARZT UND DIE KINDER

AM TATORT

Heute soll unsere Gruppe am Tatort der Morde stehen. In jener alten Volksschule, die als einziges Gebäude bei dem Bombardement auf Hamburg 1943 stehengeblieben war. In dem weißgekalkten Keller mit den Heizungsrohren, an denen die Kinder der Reihe nach aufgehängt wurden, ".. immer zu zweit, wie Kaninchen hingen sie da, sie waren ja auch nur Versuchskaninchen der SS–Ärzte und waren lebensunwertes Leben" Die Schüler hatten am Vorabend die Vernehmungsprotokolle über den Tathergang gelesen. Und waren darauf gefaßt, daß eine große psychische Belastung an diesem Ort auf sie zukommen würde.

21. APRIL, 5.00 UHR MORGENS

Als wir dann vor dem großen Wandbild von dem Bremer Jürgen Waller stehen, das den Titel trägt:

"21. April, 5 UHR MORGENS", als Günther Schwarberg Einzelheiten und Hintergründe dieses Bildes verdeutlicht, als wir dann in diesem Kellerraum stehen und noch einmal hören, wie im einzelnen alles in dieser Nacht abgelaufen ist, braucht niemand im Raum sich seiner Tränen zu schämen. Es bleibt unfaßbar, trotz persönlicher Betroffenheit, trotz Identifikation mit dem fremden Schicksal, trotz historischen Abstands.

WAS KÖNNEN WIR TUN?

Im "Rosengarten" auf dem Weg zur Bushaltestelle: neben Trauer auch die Frage nach Motiven der Täter. Was können Kinder getan haben, daß eine solche Mißachtung und Mißhandlung als "wertlose Untermenschen" rechtfertigt? Protest und Empörung angesichts des Schicksals dieser Kinder, eines Schicksals, in dem kein Sinn und keine Gerechtigkeit zu finden ist. Was können wir tun, was sinnvoller ist als mitzuleiden und zu resignieren? Im "Rosengarten" finden wir auf einem Gedenkstein geschrieben:

HIER STEHTST DU SCHWEIGEND, DOCH WENN DU DICH WENDEST, SCHWEIGE NICHT.

Wir begreifen, wie wichtig Erinnern ist, und was die Botschaft auf unserem mitgeführten Transparent ist: "Wer sich nicht erinnert, macht sich mitverantwortlich; wird zum Täter".

GEDENKSTÄTTE NEUENGAMME

Zum Nachdenken blieb heute nicht viel Zeit. Aber war das auf dieser Fahrt je anders, vollgestopft mit Terminen und Programmen?

Ab 15.00 Uhr wartet Herbert von der KZ–Gedenkstätte eben dort auf uns. Anhand des Modells im Dokumentenhaus soll uns zunächst ein Eindruck vom Umfang und vom Aufbau des Lagers vermittelt werden.

BEIM KLINKERWERK

Eindrucksvoll ist es aber auch, neben Klaas Touber zu stehen, wenn er anhand der ausgestellten Gegenstände von seiner Haftzeit berichtet. Danach teilt sich die Gruppe. Wir machen einen Rundgang über das ehemalige Lagergelände, versuchen beim Klinkerwerk eine der übriggebliebenen Kipploren anzuschieben, um uns vorzustellen, wieviel Kraft wohl aufgewendet werden müßte, um die vollen Loren von den TONGRUBEN zum KLINKERWERK zu schieben. Oder: wenn sie aus den Schienen gesprungen waren, sie wieder einzurichten. Und das alles im Laufschritt und unter den Schlägen der KAPOS. „War jemand 4–6 Wochen in dieser Kolonne, von morgens sieben bis abends sechseinhalb Uhr immer fort auf den Beinen gewesen, dann war er so weit herunter, daß er die Arbeit in der Kolonne nicht mehr leisten konnte“, lesen wir auf einer Phototafel.

ARBEITSKOMMANDO DOVE ELBE

Hinter dem KLINKERWERK mit der berüchtigten Rampe gelangen wir zum STICHKANAL, der heute als Hafen für Sportboote dient. Als er 1942 ausgehoben werden mußte, gehörte das ARBEITSKOMMANDO DOVE ELBE zu den gefürchtetsten. Etwa 300 Russen und Ukrainer gehörten diesem Kommando an. An den Herbsttagen wühlten sie in dem kalten und schlammigen Wasser, um den Kanal zu vertiefen. Auch an dieser Stelle wurde mit Hilfe einer Phototafel versucht, dem Betrachter durch ein Originalbild einen Eindruck zu vermitteln. Daneben der Bericht eines Häftlings:

„Elende und verhungerte Häftlinge, manche noch fast Kinder von 15 Jahren, schwanken wie die Schatten unter den schweren, voll mit Schlamm geladenen Schubkarren. KAPO und ihre Helfershelfer haben mit Stöcken unbarmherzig auf die erschöpften Häftlinge eingeschlagen. Jeden Tag trugen wir nach der Arbeit entkräftete und tote Kameraden ins Lager…“ Verhungert wie sie waren, kauten sie an Kamille und Gras. So bekamen sie Durchfall und in einigen Wochen unterlagen sie ihm.“

ZURÜCK INS DOKUMENTENHAUS

Der stärker werdende Regen treibt uns zurück ins Dokumentenhaus. Bis 19.00 Uhr haben wir genügend Zeit, uns in Ruhe die Ausstellung anzusehen. Stehen wir bei den Folterinstrumenten zunächst noch beisammen, probieren schaudernd den Prügelbock aus, geht bald jeder allein und schweigend durch die Ausstellung. Die großformatigen Bilder sprechen eine erdrückende Sprache.

HEIMWEG DURCH VÖLLIGE DUNKELHEIT

Für 19.00 Uhr waren wir mit einer Gruppe Sinti und Roma verabredet. Renate hatte sich speziell auf dieses Thema der „Verfolgung: gestern und heute“ vorbereitet. Als aber bis halbacht Uhr niemand eintrifft, macht sich die Schülergruppe und einige Erwachsene auf den 8 km langen Heimweg. Draußen herrscht absolute Dunkelheit, Regen und Gegenwind. Das Fahren in der Kolonne verlangt von uns allen volle Aufmerksamkeit und Disziplin. Jürgen mit seiner starken Sehbehinderung muß akustisch dirigiert werden. So sind wir heilfroh, als wir nach einer knappen Stunde im „Haus Warwisch“ ankommen.

ZUSAMMEN LEBENSFREUDE TANKEN

Auf der Treppe zu unseren Schlafräumen steht Jan und läßt niemanden vorbei. Jetzt soll endlich sein Geburtstag gefeiert werden! Und alle sind eingeladen. Als wir kurze Zeit später mit Bier und Sekt anstoßen, dauert es nach den Strapazen des heutigen Tages auch nicht lange, bis alle von einer hektischen Fröhlichkeit erfaßt werden. Es ist so, als wollte die in diesen Tagen so belastete Seele ein Ventil öffnen und einfach Lebensfreude tanken. Und alle lassen sich anstecken von der überquellenden Heiterkeit der Jugend unter uns.

Jan ist so begeistert, daß er alle Schüler im nächsten Jahr zu sich einlädt. In seiner Wohnung könnten sie drei Wochen und länger bleiben. Daß muß mit einem Küßchen belohnt werden.

Es ist bereits nach Mitternacht, als wir im kleinen Kreis entdecken können, daß wir eine geborene Blues–Sängerin unter uns haben, nämlich Marie, Jan´s Frau! Mit ganzer Hingabe singt sie das Negrow Spiritual „Somewhere I feel like a motherless child“. Ein Tag, der so tiefe Eindrücke bei allen hinterlassen wird, klingt aus.

FREITAG 7. SEPTEMBER – REISETAG

Die Fahrräder werden nicht mehr gebraucht. Sie werden in einem Schuppen „zwischengelagert“. Mit einem Doppeldeckerbus kommen wir gegen Mittag in NEUSTADT an der Lübecker Bucht an. Für die letzte Nacht auf unserer Fahrt ist das Städtische Jugendfreizeitheim unser Quartier. Gepäck einräumen, Schlafsack ausrollen. Wanderung entlang der Wasserkannte. In der Neustädter „Friedenswerkstatt“ empfängt uns Dirk Scheffler: „Bis zu diesem Augenblick habe ich Euch für eine Fata Morgana gehalten. Wir wußten nicht, ob Ihr wirklich kommt.“ Am Nachmittag bleibt uns gerade noch Zeit, unsere Eindrücke und Empfindungen in diesen fünf Tagen gemeinsam zu sammeln und nieder zu schreiben. Alle elf Schüler/–innen übernehmen mit gemischten Gefühlen einen Sprechpart. Dann eine kurze Probe, das muß reichen. Nur Katrin braucht für ihren Solopart mit der Flöte noch Zeit zum Üben.

ABENDS – DIE KATASTROPHE IN DER NEUSTÄDTER BUCHT

Abends öffentliche Veranstaltung in der Friedenswerkstatt. Eröffnet mit einem Fernsehbericht über die Katastrophe in der Neustädter Bucht, ein Bericht, der nur im Bereich des Südwestfunks ausgestrahlt worden ist. Originalaufnahmen vom Wrack der CAP ARCONA, Wochenschaubericht von einer der ersten Gedenkveranstaltungen mit Überlebenden der Katastrophe. Originalton:

In der Lübecker Bucht mahnt ein Wrack an eine der tragischsten Katastrophen der letzten Kriegstage, dem Untergang der CAP ARCONA und eines anderen Schiffes mit über 7000 KZ–Häftlingen an Bord. Fast alle ertranken oder verbrannten. Über 240 Häftlinge, die sich an Land gerettet hatten, wurden von einem SS–Kommando erschossen. So kostete dieser Schreckenstag kurz vor dem Eintreffen der alliierten Truppen über 7000 Menschen aus fast allen europäischen Nationen das Leben.

EINEN ANDEREN WEG VERSUCHEN

In der anschließenden Diskussion geht es um die Wiedervereinigung und eine zunehmende Tendenz zu Nationalismus und Neofaschismus. Aufarbeitung von Geschichte in der bisherigen Form und Aufklärung habe wenig bewirkt, meint Dirk, und er fragt: „Müssen wir einen anderen Weg versuchen?“ Für ihn beginne der Faschismus schon dort, wo Menschen in erste, zweite und dritte Klassen eingeteilt werden.

Ute schildert den Weg ihrer eigenen Radikalisierung am Beispiel eines Berlin–Besuches zum Zeitpunkt des 100. Hitler–Geburtstages. Was sie nie für möglich gehalten hätte, daß sie aus der vorangehenden Situation heraus plötzlich auch auf Rechtsradikale eingeschlagen habe.

Renate kann verstehen, wie schwer es ist, mit der eigenen Wut umzugehen. Trotzdem plädiert sie für einen anderen Weg, auf dem man die Menschen erreichen kann, die für rechtsradikales Gedankengut empfänglich sind. „Antifaschismus kann nicht darin bestehen, daß er in Kloppereien zwischen 'Rechten und Linken' endet.“

Auch Dirk argumentiert in diese Richtung. In Grenzsituationen von Gewalt sei sein Handeln von einer Kraft, die auf Überzeugung und Menschenwürde aufgebaut sei. Das habe für ihn eine andere Qualität.

Für Herbert sind es immer noch zu wenige, die den „Rechten“ aktiv widerstehen. „Widerstand muß gewaltiger werden, wenn er etwas bewirken soll“.

Am Ende sind die einen unzufrieden, weil das Thema längst nicht ausdiskutiert worden ist, während die anderen die Müdigkeit übermannt hat.

SAMSTAG, 8. SEPTEMBER – CAP ARCONA FRIEDHOF

Heute Morgen bekommt Dorit von uns ein Geburtstagsständchen. Von Herbert rote Rosen und ein Schmusetier. Auf dem Weg zur CAP ARCONA–GEDENKSTÄTTE eine letzte Sprechprobe. Wir können zufrieden sein, besser kann es nicht werden.

Vor Ort dann Begrüßung der angereisten Nord–Bremer Freunde, Angehörigen und Gäste. Ein Vertreter der Stadt heißt uns willkommen. In seiner kurzen Ansprache macht er aufmerksam, wie lange es auch in Neustadt gedauert habe, eine würdige Form des Gedenkens und der Erinnerung zu finden, nämlich eine jetzt veröffentliche Dokumentation und das im Mai eröffnete CAP ARCONA Museum. Den Schülern ruft er eine Zeile von Paul Celan ins Gedächtnis, der in der TODESFUGE die grauenhaften Geschehnisse während der Nazizeit in dem bitteren Satz zusammen gefaßt habe: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Gerade eine Gedenkfahrt zu solchen Orten sei geeignet, Schülern dies zu verdeutlichen.

WIR MÜSSEN DAFÜR SORGEN, DAß EURE ERINNERUNGEN NICHT VERGESSEN WERDEN

Ein Stück aus dem Adagio von Bach hat Katrin für ihr Flötensolo ausgesucht. Jetzt sind wir alle froh, daß sie ihre Flöte mitgebracht hat.

Danach treten sie nacheinander an das Mikrophon, um zum ersten Mal in der Öffentlichkeit zu sprechen: Katrin, Karin, Steffi, Heiko, Markus, Dagmara, Alexandra, Sandy, Stephanie, Bianca und Iris. Von den seelischen Erschütterungen auf dieser Fahrt sprechen sie, von 5000 Toten allein im KZ–Neuengamme. Über ihr Entsetzen, als sie die Bilder sahen von den 20 Kindern und hörten, was denen widerfuhr im Keller der Schule am Bullenhuser Damm, in der Nacht vom 20. Zum 21. April 1945.

Von ihrer Wut sprechen sie und Empörung, wie später Richter mit den Tätern verfahren sind. Von den uns begleitenden Holländern sprechen sie, an deren Verhalten sie beobachten konnten, unter welch dünner Haut die schmerzlichen Erinnerungen schwelen. Und sie sprechen davon, was sie in den sechs Tagen begriffen haben:

„In NEUENGAMME haben wir den Spruch gelesen:
'Euer Leben, Euer Leiden, Euer Tod soll nie vergebens sein'
Wir müssen dafür sorgen, daß eure Erinnerungen nicht vergessen werden. Denn: Wenn wir uns nicht erinnern, machen wir uns schuldig, werden wir zu Tätern“.

Katrin gibt mit ihrem Flötenspiel Zeit zum Nachdenken, transportiert Gefühle. Jan geht zum Mikrophon, sichtlich erschüttert. Mit tränenerstickter Stimme sagt er: „Ich habe ganz kurz machen. Ich war ganz pessimistisch hingekommen, aber jetzt habe ich wieder eine bessere Hoffnung. Mehr kann ich nicht sagen“.

Und alle haben verstanden.

ICH BIN FROH, DASS ICH ES GETAN HABE

Auch Klaas Touber möchte zusammenfassen, was er in diesen Tagen empfunden hat.
„Es war ganz schwer für mich. Ein Tag dauerte hier wie eine ganze Woche. Manchmal war ich vollkommen leer und konnte gar nicht mehr denken“
.
Obwohl er schon viel über KZ–Lager in Deutschland gelesen habe, haben ihn die Bilder im Dokumentenhaus sehr erschreckt.
„Es ist ein Land, naß von Tränen.“
Er habe das alles noch gar nicht verarbeiten können. Lange Zeit habe er überlegt, ob er überhaupt die Gedenkfahrt mitmachen soll.
„Jetzt bin ich froh, daß ich es getan habe, obwohl ich sehr müde bin“.

Gerd Meyer habe ihn auch gefragt, was er über die Zukunft eines vereinigten Deutschlands denke. Wenn es die Politiker nicht wüßten, wie solle er es wissen. Die einzigen, die etwas aussagen könnten, wären vielleicht die Banker und die Wirtschaftsleute. Trotzdem müßten wir versuchen, für eine bessere Zukunft zu arbeiten, für eine Zukunft in Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit. Dazu aber brauchen wir Hoffnung, ohne die der Mensch nicht leben könne.

„Achtet Euch vor dem Rattenfänger von Hameln, wenn er ruft: DEUTSCHLAND ERWACHE ! – DEUTSCHLAND, DEUTSCHLAND ÜBER ALLES! Und dabei denkt an Macht und Gewalt. Haltet Augen und Ohren offen und sagt NEIN ! Wenn einer sagt: Dieser Mensch ist ein Untermensch, tötet ihn“

DAS MÄRCHEN VOM STEIN

Mit dem Märchen vom Stein wollte Dirk Scheffler von der Neustädter „Friedenswerkstatt“ zu der Gedenkfeier beitragen. Es war die Geschichte des Gedenksteins vor dem Friedhof mit der Innschrift: „3. Mai – Nie wieder Krieg“

1986, am 3. Mai, war dieser Stein auf der Rathaustreppe in Neustadt niedergelegt worden. Der Bürgermeister aber wollte ihn dort nicht haben und ließ ihn zum Strand–Friedhof schaffen. Kurze Zeit später legten vier verärgerte Frauen den Stein wieder zurück vor das Rathaus. Da lag er nun, und keiner habe Anstoß genommen, bis auf den Bürgermeister. Diesmal habe er den „Stein des Anstoßes“ auf dem Bauhof der Stadt verstecken lassen.

Drei Jahre später hätten zwei alte Männer den Stein wieder am Strand entdeckt und ihn zum 3. Mai 1989 an die Eingangspforte zum Strand–Friedhof zurückgelegt. Dort solle er erinnern, „was Menschen Grausames anderen Menschen antun können. Und welches Leid aus menschlichem Tun entstehen kann“.

IN DEN MORGENSTUNDEN DES 3. MAI

Gerade an dieser Stelle der Neustädter Bucht, so erfuhren wir von dem Historiker Lange anschließend, seien besonders grausame Verbrechen an KZ–Häftlingen verübt worden. Schon am 2. und 3. Mai seien 200 m seewärts zwei sog. Schuten (Binnenschiffe) aus dem KZ–STUTTHOF gestrandet. In den Morgenstunden des 3. Mai seien von der SS– und der SD–Bewachung nachgewiesenermaßen mehr als 77 Kinder und Frauen erschlagen und erschossen worden. Den Cap Arcona–Friedhof habe man bewußt hier an dieser Stelle angelegt, weil die ersten Sammelgräber für die 600 Toten, die an dieser Stelle gefunden wurden, dort waren, wo sich heute der Durchgangsweg befindet.

NACHWORT. „SEID WACHSAM!“

Diese sechs Tage haben uns alle aufgewühlt und deutlich gemacht, was Martin Walser meint, wenn er sagt: „Seit AUSCHWITZ ist noch kein Tag vergangen“.

Das kam zum Ausdruck in den Gesprächen mit den Holländern Jan und Klaas, sowie deren Ehefrauen Marie und Dia.

Das wurde deutlich im Keller der Schule am Bullenhuser Damm, wo wir das Grauen noch spüren konnten, sowie auf dem Gelände des ehemaligen KZ–NEUENGAMME.

Ihr Schüler habt mit Eurer Entscheidung, an dieser Erinnerungsfahrt teilzunehmen, Euch gleichzeitig auf die Seite der Opfer gestellt. Durch Eure Teilnahme und Anteilnahme, habt Ihr Hoffnung gegeben. Die Hoffnung, daß Ihr zu einer Generation gehört, die wachsam sein wird.

WACHSAM sein heißt: genau zu fragen, was damals geschah, und warum es geschehen konnte. WACHSAM sein heißt: kritisch zu fragen, wo denn heute wieder Volksverhetzung oder Volksverdummung stattfindet.

WACHSAM sein heißt: zu prüfen, wo wir die stumpfsinnigen Parolen alter und neuer Nazis dulden oder verharmlosen, nur weil wir zu feige sind zu widersprechen oder zu protestieren.

WACHSAM sein heißt: zu fragen, wo Minderheiten gedankenlos ausgegrenzt werden, nur weil sie anders denken, anders glauben oder anders leben wollen als die herrschende Mehrheit.

WACHSAM sein heißt: darauf zu achten, wo Menschen wieder in Gute und Böse, in Schwarz und Weiß, in Engel und Teufel eingeteilt werden.

WACHSAM sein heißt: die eigenen Feindbilder zu überwinden und sich nicht in Haß und neue Feindbilder hineintreiben zu lassen. All das sind die Wurzeln, aus denen der Faschismus sich entwickeln konnte.

Wer aber heutzutage sagt: Macht endlich Schluß damit! „Wir müssen aus dem Schatten Hitlers heraustreten“

Wer AUSCHWITZ aufrechnen will mit Dresden, Majdanek, mit den Todeslagern Stalins, den HOLOCAUST mit Beirut, wer sagt: „Wir sind eine neue Generation, wir haben aus der Geschichte gelernt“, der tötet die Toten noch einmal.

Ihr, die Jungen, seid nicht verantwortlich für das, was damals geschah, „aber Ihr seid verantwortlich für das, was in der Geschichte daraus wird“. Ihr gehört zu der Generation der „schuldlos beladenen Enkel“, die das abtragen soll, was die Generation der Eltern und Großeltern versäumt hat abzutragen. Die versucht hat, durch Verdrängung und Verleugnung sich am Erbe des Nationalsozialismus vorbei zu mogeln.

Ralph Giordano bezeichnet dies Verhalten als „die zweite Schuld“, die nach 1945 der „ersten Schuld“ der Deutschen unter Hitler folgte.

Daß Ihr an diesen sechs Tagen und Nächten mit uns ward, hat das Gespräch zwischen den Generationen ermöglicht, hat zu gegenseitiger Wertschätzung und gegenseitigem Verständnis geführt, hat uns miteinander zu Freunden werden lassen. Dafür dankt Euch



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