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Gedenkveranstaltung zum 81. Jahrestag

der Pogromnacht vom 9./10. Nov. 1938
gegen jüdische Mitbürger

    Sonnabend, den 9. November 2019, 17:00 Uhr
    auf dem 'Jacob-Wolff-Platz' in Aumund

Sperrung der Aumunder Synagoge

SA-Absperrung beim Brand der Synagoge in Vegesack am 10. Nov. 1938


Im Dezember 1942 verstarb Jacob Wolff, der letzte Vorsteher der Jüdischen Gemeinde für Vegesack und Umgebung, an den Folgen seiner Haft im Konzentrationslager Theresienstadt. Wie er verloren mehr als 70 jüdische Mitbürger aus Bremen-Nord ihr Leben während der NS-Gewaltherrschaft.

1978 wurde vom Bildhauer Ulrich Conrad (Worpswede),auf Anregung des Vegesacker Politikers Claus Buerger, eine Gedenktafel geschaffen.
Am 8. November 2007 wurde der Platz vor der Gedenkstätte in Aumund als 'Jacob-Wolff-Platz' benannt.
Am 13. März 2009 wurde die Gedenkstätte von der Bildhauerin Clarissa Dietrich mit der`Splitter-Skulptur`künstlerisch erweitert.

17:00     Wortbeiträge

            Gerd Meyer                 Projekt Internationale Friedensschule Bremen
            Torsten Bullmahn        Beiratssprecher/Ortsamt Vegesack
            Pastor Jan Lammert    Evgl Kirchengemeinde Alt-Aumund

            Textlesung:Todesfuge
            Paul Celan                                                 geb. 23.11.1920 in Czernowitz
            urspr. Paul Antschel                                   in der Bukowina/Rumänien
            rumänisch ANCEL/Anagr. CELAN             gest. am 20.4.1970 in Paris

            P.Celan stammte aus einer deutschsprachigen jüdischen Familie in Rumänien.
            Die `Todesfuge` ist Celans bekanntestes Gedicht und thematisiert die
            Judenvernichtung im  Faschismus. Er schrieb es zwischen 1944 und Anfang 1945
            als Häftling im Arbeitslager Tabarasti bei Buzau (Walachei/Rumänien).

Am Ende der Gedenkveranstaltung werden die Namen der ermordeten Bürger jüdischen Glaubens verlesen. Danach kann die vom Bremer Lehrer Rolf Rübsam gestaltete Ausstellung zur Geschichte der ehemaligen jüdischen Gemeinde in Vegesack besucht werden (im benachbarten Gemeindehaus der  evgl. Gemeinde Alt-Aumund).


Zur Geschichte der israelitischen Gemeinde und der Aumunder Synagoge

Im Jahre 1834 erwarben jüdische Bürger ein Grundstück und errichteten an der heutigen Ecke Neue Straße / An der Aumunder Kirche eine Synagoge. Sie bildete im Norden Bremens für Anhänger des israelitischen Gaubens ein religiös-kulturelles Zentrum, das über ca. 100 Plätze, ein Ritualbad und einen Klassenraum verfügt haben soll.

Die
                Aumunder Synagoge, ca. 1900. Das Gebäude befindet sich
                vor der lutherischen Kirche.

Die Aumunder Synagoge, ca. 1900. Das Gebäude befindet sich vor der lutherischen Kirche.

Seit Beginn der NS-Herrschaft 1933 sahen sich jüdische Bürger zunehmend unerträglichen Diskriminierungen, Verboten und Boykottaufrufen ausgesetzt.
 
Das Gotteshaus der Synagogengemeinde Aumund-Blumenthal-Vegesack wurde am Nachmittag des 10. November 1938 niedergebrannt. Die Tat vollzog sich am helllichten Tag; die Verantwortlichen handelten in aller Öffentlichkeit. Sie nahmen auch keinen Anstoß daran, dass sie fotografiert wurden.

Wie überall im nationalsozialistischen Deutschland hatten auch in Bremen in der Nacht zuvor auf Initiative der Reichsführung Pogrome stattgefunden. Bremer SA-Leute ermordeten fünf jüdische Bürger, davon in Bremen-Nord den Obermonteur Leopold Sinasohn, Martha Goldberg und ihren Mann, den Arzt Dr. Adolph Goldberg. Die Synagoge in Bremen in der heutigen Kolpingstraße wurde ebenso zerstört wie viele jüdische Geschäfte. Zahlreiche Juden wurden verhaftet; 162 Männer mussten durch die Stadt ins Zuchthaus Oslebshausen marschieren und wurden anschließend in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert.

In Bremen-Nord waren an den Aktionen der Mordnacht vor allem zwei SA-Leute verantwortlich beteiligt.
SA-Sturmbannführer Ernst Röschmann war vor Ort der ranghöchste Vertreter der SA.

Er spielte bei der Weitergabe der Pogrom-Befehle eine verhängnisvolle Rolle. SA-Sturmhauptführer Fritz Köster hatte ihn über einen Befehl der SA-Standarte Wesermünde informiert, demzufolge es bis zum Abend „keine Juden mehr in Deutschland“ geben dürfe und die Judengeschäfte zu „vernichten“ seien. Beide wollten sich bei der SA-Gruppe in Bremen rückversichern. Röschmann erfuhr bei diesem Telefonat in den Morgenstunden des 10. November, dass in Bremen „schon die Nacht der langen Messer im Gange“ sei und dass die Synagoge dort bereits brenne. Auf Kösters Nachfrage, was unter „vernichten“ zu verstehen sei, wiederholte Röschmann: „In Bremen ist bereits die Nacht der langen Messer im Gange.“ und fügte hinzu: „Ja, Fritz, es ist so, wir müssen handeln.“

Daraufhin formulierte Köster gegenüber SA-Obersturmführer Jahns Befehle, die in die Morde an Martha und Adolph Goldberg sowie an Leopold Sinasohn mündeten.

Erstaunlicherweise blieb die Synagoge in Bremen-Aumund in dieser Nacht von Brandstiftung verschont.
Röschmann scheint am Morgen des 10. November jedoch von der SA-Gruppe Bremen telefonisch neue Befehle erhalten zu haben und sorgte für ihre Umsetzung.

In Vegesack und Aumund sprach sich herum, dass die Synagoge am Nachmittag in Brand gesteckt werden würde. Zwischen 14 und 15 Uhr wurde in der Kirchenstraße durch Uniformierte (u.a. SA, Jungvolk) eine Absperrung hergestellt.

Die Witwe des jüdischen Gemeindevorstehers, Mathilde Heinemann, musste ihre Wohnung im Anbau verlassen; sie durfte ihre Möbel nicht bergen. Nachbarn beherbergten sie zunächst.

Die Synagoge wurde zwischen 14.30 Uhr und 15.30 Uhr in Brand gesteckt. Die Feuerwehr ließ es zu, dass die Synagoge vollständig Feuer fing, sicherte die anliegenden Häuser und löschte anschließend das Feuer in dem bis auf die Grundmauern abgebrannten Gotteshaus.

Der Photograph Heitkamp fertigte innerhalb einer halben Stunde eine Serie von sieben Bildern.

Die Serie zeigt neben zwei Aufnahmen der Absperrkette und der schaulustigen Menge auch Einzelpersonen: Lokalprominenz, Täter und Mittäter, die sich vor dem abgesperrten Gelände aufhielten und sich offensichtlich bereitwillig ablichten ließen.

Auf einem Bild trägt ein SA-Mann einen Benzinkanister, weitere Mittäter Arbeitshandschuhe und eine Axt. Neben ihnen befinden sich der Bürgermeister von Aumund Hillmann in Zivil und der am Vortag zum Sturmbannführer beförderte Röschmann in Uniform.

Nach dem Krieg ermittelten britische und US-amerikanische Stellen ebenso wie die Kriminalpolizei zu der Brandstiftung in Aumund. 

In zwei Prozessen gegen Röschman und Hillmann als mutmaßliche Verantwortliche gelangen die Richter und Geschworenen zu keiner Verurteilung wegen Brandstiftung. Sie verwerfen die Zeitangaben des Photographen, halten die Aussagen von Röschmann und Köster, dem Verantwortlichen der Mordnacht, für plausibel und  glauben die Angaben der Angeklagten nicht entkräften zu können, höher rangige SA-Führer seien zum Zeitpunkt der Brandstiftung am Tatort gewesen.

Bei der Bewertung der Bilder versteigt sich das Gericht zu einer abenteuerlichen Deutung:

„Die Tatsache, dass Kanister und Axt in Händen von Personen sind, die in unmittelbarer Nähe des Eingangs zur Synagoge stehen und von denen die eine ein SA-Mann aus dem Sturmbann des Angeklagten Röschmann ist, ist zwar höchst belastend für den Angeklagten Röschmann. Trotzdem sind die Tatsachen nicht geeignet, den Angeklagten Röschmann zu überführen, weil dem Angeklagten Röschmann nicht nachgewiesen werden kann, dass er damals Kenntnis von der Anwesenheit dieser Gegenstände hatte und insbesondere, weil nicht festzustellen ist, dass der in in den Händen des Oberscharführers Janke befindliche Kanister Brennstoff enthielt, der auf Veranlassung des Angeklagten Röschmann beschafft und zur Inbrandsetzung der Synagoge verwandt worden ist.“

Röschmann und Hillmann werden vom Vorwurf der Brandstiftung freigesprochen. Röschmann wird allein wegen Landfriedensbruchs zu einem Jahr Gefängnis - durch U-Haft mittlerweile abgegolten – verurteilt.

Mathilde Heinemann, die Witwe des Predigers Hermann Heinemann, hat die Verfolgung nicht überlebt. Sie wurde 1942 vom jüdischen Altersheim Gröpelingen nach Theresienstadt deportiert und später in Treblinka ermordet.

Im Dezember 1942 verstarb auch Jacob Wolff, der letzte Vorsteher der Jüdischen Gemeinde für Vegesack und Umgebung, an den Folgen seiner Haft im Konzentrationslager Theresienstadt.

Wie er und Mathilde Heinemann verloren mehr als 70 jüdische Mitbürger aus Bremen-Nord ihr Leben während der NS-Gewaltherrschaft.

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