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Gedenkveranstaltung
zur Erinnerung an den 73. Jahrestag
des Nazi-Pogroms gegen jüdische Mitbürger
vom 9. und 10. Nov. 1938
Mittwoch, den 9. November 2011, 17:00 Uhr
am 'Jacob-Wolff-Platz' in Aumund
Veranstalter: Internationale Friedensschule
Bremen
Beirat des Ortsamtes
Vegesack
Kirchengemeinde
Aumund
SA-Absperrung beim Brand der Synagoge in Vegesack am
10. Nov. 1938
Im Dezember 1942 verstarb Jacob Wolff, der letzte Vorsteher der
Jüdischen Gemeinde für Vegesack und Umgebung, an den
Folgen seiner Haft im Konzentrationslager Theresienstadt.
Wie er verloren mehr als 70 jüdische Mitbürger aus
Bremen-Nord ihr Leben während der NS-Gewaltherrschaft.
Am 8. November 2007 wurde der Platz vor der Gedenkstätte
in Aumund 'Jacob-Wolff-Platz'
benannt. Die Gedenkstätte auf dem Platz wurde von der
Bildhauerin Clarissa Dietrich neu gestaltet.
17:00 Uhr
Wortbeiträge
Gerd
Meyer Projekt
'Internationale Friedensschule Bremen'
Heike Sprehe
Sprecherein des Beirats Vegesack
Rolf
Rübsam Lehrer und
Historiker
und anschliessend gegen
17:30 Uhr
Stadtrundgang zu 'Stolpersteinen'
in der Alten
Hafenstraße in Vegesack
mit
Erläuterungen von Wiltrud Ahlers zu den Opferbiographien
Zur Geschichte der israelitischen Gemeinde und der
Aumunder Synagoge
Im Jahre 1834 erwarben jüdische Bürger ein Grundstück und
errichteten an der heutigen Ecke Neue Straße / An der
Aumunder Kirche eine Synagoge. Sie bildete im Norden
Bremens für Anhänger des israelitischen Gaubens ein
religiös-kulturelles Zentrum, das über ca. 100 Plätze, ein
Ritualbad und einen Klassenraum verfügt haben soll.
Die Aumunder Synagoge, ca.
1900. Das Gebäude befindet sich vor der lutherischen
Kirche.
Seit Beginn der NS-Herrschaft 1933 sahen sich jüdische
Bürger zunehmend unerträglichen Diskriminierungen,
Verboten und Boykottaufrufen ausgesetzt.
Das Gotteshaus der Synagogengemeinde
Aumund-Blumenthal-Vegesack wurde am Nachmittag des 10.
November 1938 niedergebrannt. Die Tat vollzog sich am
helllichten Tag; die Verantwortlichen handelten in aller
Öffentlichkeit. Sie nahmen auch keinen Anstoß daran, dass
sie fotografiert wurden.
Wie überall im nationalsozialistischen Deutschland hatten
auch in Bremen in der Nacht zuvor auf Initiative der
Reichsführung Pogrome stattgefunden. Bremer SA-Leute
ermordeten fünf jüdische Bürger, davon in Bremen-Nord den
Obermonteur Leopold Sinasohn, Martha Goldberg und ihren
Mann, den Arzt Dr. Adolph Goldberg. Die Synagoge in Bremen
in der heutigen Kolpingstraße wurde ebenso zerstört wie
viele jüdische Geschäfte. Zahlreiche Juden wurden
verhaftet; 162 Männer mussten durch die Stadt ins
Zuchthaus Oslebshausen marschieren und wurden anschließend
in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert.
In Bremen-Nord waren an den Aktionen der Mordnacht vor
allem zwei SA-Leute verantwortlich beteiligt.
SA-Sturmbannführer Ernst Röschmann war vor Ort der
ranghöchste Vertreter der SA.
Er spielte bei der Weitergabe der Pogrom-Befehle eine
verhängnisvolle Rolle. SA-Sturmhauptführer Fritz Köster
hatte ihn über einen Befehl der SA-Standarte Wesermünde
informiert, demzufolge es bis zum Abend „keine Juden mehr
in Deutschland“ geben dürfe und die Judengeschäfte zu
„vernichten“ seien. Beide wollten sich bei der SA-Gruppe
in Bremen rückversichern. Röschmann erfuhr bei diesem
Telefonat in den Morgenstunden des 10. November, dass in
Bremen „schon die Nacht der langen Messer im Gange“ sei
und dass die Synagoge dort bereits brenne. Auf Kösters
Nachfrage, was unter „vernichten“ zu verstehen sei,
wiederholte Röschmann: „In Bremen ist bereits die Nacht
der langen Messer im Gange.“ und fügte hinzu: „Ja, Fritz,
es ist so, wir müssen handeln.“
Daraufhin formulierte Köster gegenüber SA-Obersturmführer
Jahns Befehle, die in die Morde an Martha und Adolph
Goldberg sowie an Leopold Sinasohn mündeten.
Erstaunlicherweise blieb die Synagoge in Bremen-Aumund in
dieser Nacht von Brandstiftung verschont.
Röschmann scheint am Morgen des 10. November jedoch von
der SA-Gruppe Bremen telefonisch neue Befehle erhalten zu
haben und sorgte für ihre Umsetzung.
In Vegesack und Aumund sprach sich herum, dass die
Synagoge am Nachmittag in Brand gesteckt werden würde.
Zwischen 14 und 15 Uhr wurde in der Kirchenstraße durch
Uniformierte (u.a. SA, Jungvolk) eine Absperrung
hergestellt.
Die Witwe des jüdischen Gemeindevorstehers, Mathilde
Heinemann, musste ihre Wohnung im Anbau verlassen; sie
durfte ihre Möbel nicht bergen. Nachbarn beherbergten sie
zunächst.
Die Synagoge wurde zwischen 14.30 Uhr und 15.30 Uhr in
Brand gesteckt. Die Feuerwehr ließ es zu, dass die
Synagoge vollständig Feuer fing, sicherte die anliegenden
Häuser und löschte anschließend das Feuer in dem bis auf
die Grundmauern abgebrannten Gotteshaus.
Der Photograph Heitkamp fertigte innerhalb einer halben
Stunde eine Serie von sieben Bildern.
Die Serie zeigt neben zwei Aufnahmen der Absperrkette
und der schaulustigen Menge auch Einzelpersonen:
Lokalprominenz, Täter und Mittäter, die sich vor dem
abgesperrten Gelände aufhielten und sich offensichtlich
bereitwillig ablichten ließen.
Auf einem Bild trägt ein SA-Mann einen Benzinkanister,
weitere Mittäter Arbeitshandschuhe und eine Axt. Neben
ihnen befinden sich der Bürgermeister von Vegesack
Hillmann in Zivil und der am Vortag zum Sturmbannführer
beförderte Röschmann in Uniform.
Nach dem Krieg ermittelten britische und US-amerikanische
Stellen ebenso wie die Kriminalpolizei zu der
Brandstiftung in Aumund.
In zwei Prozessen gegen Röschman und Hillmann als
mutmaßliche Verantwortliche gelangen die Richter und
Geschworenen zu keiner Verurteilung wegen Brandstiftung.
Sie verwerfen die Zeitangaben des Photographen, halten die
Aussagen von Röschmann und Köster, dem Verantwortlichen
der Mordnacht, für plausibel und glauben die Angaben
der Angeklagten nicht entkräften zu können, höher rangige
SA-Führer seien zum Zeitpunkt der Brandstiftung am Tatort
gewesen.
Bei der Bewertung der Bilder versteigt sich das Gericht zu
einer abenteuerlichen Deutung: „Die Tatsache, dass
Kanister und Axt in Händen von Personen sind, die in
unmittelbarer Nähe des Eingangs zur Synagoge stehen
und von denen die eine ein SA-Mann aus dem Sturmbann
des Angeklagten Röschmann ist, ist zwar höchst
belastend für den Angeklagten Röschmann. Trotzdem sind
die Tatsachen nicht geeignet, den Angeklagten
Röschmann zu überführen, weil dem Angeklagten
Röschmann nicht nachgewiesen werden kann, dass er
damals Kenntnis von der Anwesenheit dieser Gegenstände
hatte und insbesondere, weil nicht festzustellen ist,
dass der in in den Händen des Oberscharführers Janke
befindliche Kanister Brennstoff enthielt, der auf
Veranlassung des Angeklagten Röschmann beschafft und
zur Inbrandsetzung der Synagoge verwandt worden ist.“
Röschmann und Hillmann werden vom Vorwurf der
Brandstiftung freigesprochen. Röschmann wird allein wegen
Landfriedensbruchs zu einem Jahr Gefängnis - durch U-Haft
mittlerweile abgegolten – verurteilt.
Mathilde Heinemann, die Witwe des Predigers Hermann
Heinemann, hat die Verfolgung nicht überlebt. Sie wurde
1942 vom jüdischen Altersheim Gröpelingen nach
Theresienstadt deportiert und später in Treblinka
ermordet.
Im Dezember 1942 verstarb auch Jacob Wolff, der letzte
Vorsteher der Jüdischen Gemeinde für Vegesack und
Umgebung, an den Folgen seiner Haft im Konzentrationslager
Theresienstadt.
Wie er und Mathilde Heinemann verloren mehr als 70
jüdische Mitbürger aus Bremen-Nord ihr Leben während der
NS-Gewaltherrschaft.
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